SAL-MPN-Initiative

Myeloproliferative Neoplasien im Fokus: die MPN-Initiative der SAL-Studiengruppe

Autoren: Steffen Koschmieder, Andreas Burchert, Carsten Müller-Tidow, Uwe Platzbecker et al. (aus dem Rundbrief 17, Dezember 2012)

Myeloproliferative Neoplasien (MPN) stellen eine heterogene Gruppe chronischer, klonaler Erkrankungen dar, die sich durch die Vermehrung einer oder mehrerer hämatopoetischer Zellreihen, durch eine Myeloproliferation sowie extramedulläre Blutbildung, insbesondere in der Milz mit konsekutiver Splenomegalie, sowie durch weitere entitätenspezifische Befunde auszeichnen. Nach der derzeit gültigen Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2008 werden die klassischen MPN (chronische myeloische Leukämie und die Philadelphia-negativen MPN Polyzythämia vera [PV], essentielle Thrombozythämie [ET] und primäre Myelofibrose [PMF]) von den selteneren nicht-klassischen MPN (chronische Eosinophilen-Leukämie/Hypereosinophile Syndrome, chronische Neutrophilen-Leukämie, maligne Mastzellerkrankungen und unklassifizierbare MPN) unterschieden. Hinzuzuzählen ist ferner die Gruppe der myeloischen Neoplasien mit Eosinophilie und Rearrangement der PDGF-Rezeptoren alpha und beta sowie des fibroblast growth factor-Rezeptors 1. Die WHO-Klassifikation von 2008 weist als eine der Neuerungen eine stärker biologisch und auf therapeutische Relevanz ausgerichtete Einteilung auf, die sich neben der Morphologie nun auch mehr auf zytogenetische und molekulargenetische Befunde stützt. Mit der Entdeckung der JAK2 V617F-Mutation und weiterer Punktmutationen bei der PV, ET und PMF sowie der Translokation FIP1L1-PDGFRA bei Patienten mit Hypereosinophilie haben sowohl die Grundlagenforschung als auch die translationale und klinische Forschung einen erheblichen Stimulus erfahren. Die internationalen Anstrengungen haben so innerhalb von kürzester Zeit zur ersten Zulassung eines spezifischen Therapeutikums zur Behandlung der Myelofibrose geführt. Dieses Medikament, Ruxolitinib, steht als Inhibitor der Janus Kinasen 1 und 2 stellvertretend für eine rasche und konsequente Weiterentwicklung neuer Substanzen aus Erkenntnissen zur Pathogenese hämatologischer Neoplasien, wie wir sie spätestens seit der Einführung von Imatinib bei BCR-ABL-positiven Erkrankungen kennen. Weitere innovative Substanzen (wie z.B. weitere JAK-Inhibitoren, Pomalidomid u.a.) befinden sich derzeit in klinischer Prüfung.

Allerdings haben sich die anfangs zuweilen überhöhten Erwartungen an die JAK-Inhibitoren bislang noch nicht vollständig erfüllt: Anders als bei Patienten mit CML, bei denen es unter Imatinib und anderen Tyrosinkinaseinhibitoren häufig zu molekularen Remissionen kommt, zeigten sich unter JAK-Inhibitortherapie bei Patienten mit messbarer Tumorlast (wie z.B. JAK2 V617F-Allellast) bisher keine hämatologischen oder molekularen Komplettremissionen. Jedoch zeigte sich ein deutliches Ansprechen der Milzgröße und der häufig sehr belastenden konstitutionellen Symptome. Diese Ergebnisse offenbarten schon recht bald, dass die Philadelphia-negativen MPN pathophysiologisch komplexer sind als zunächst angenommen, und präklinische Studien konnten dies durch die Analyse einzelner Kolonien aus dem Knochenmark der Patienten bestätigen. Hier zeigte sich eine erhebliche klonale Diversität im Vorhandensein der JAK2 V617F-Mutation, die entweder allein oder in Kombination mit verschiedenen weiteren Mutationen, wie z.B. TET2-Mutationen, nachweisbar war. Welche Relevanz diese genetische Diversität für die klinische Behandlung hat und wie sie entsteht, ist derzeit jedoch unklar. Des Weiteren ist trotz des klinischen Ansprechens auf JAK-Inhibitoren der konstitutionellen Symptomatik die Pathogenese der einzelnen Symptome (wie Nachtschweiß, aquagenem und generalisiertem Juckreiz oder Fatigue) noch nicht ausreichend verstanden.

Die MPN-Initiative der Studienallianz Leukämien (SAL) hat sich zum Ziel gesetzt, diesen und weiteren Fragen nachzugehen. Hierbei ist es, wie schon bei der akuten myeloischen Leukämie, das Ziel, die kooperative Zusammenarbeit der über 50 Zentren der SAL auf den Ebenen der klinischen Forschung, translationalen Forschung und Grundlagenforschung zu unterstützen. Im Einzelnen sind dies (i) die Führung eines Patientenregisters für MPN, (ii) die Planung und Durchführung von Investigator-initiierten klinischen Studien, (iii) die Mitgestaltung klinischer Richtlinien zur Behandlung der MPN, (iv) die Asservation klinischer Proben im Rahmen von Biomaterialbanken, (v) die Förderung der Zusammenarbeit der beteiligten Zentren im Hinblick auf translationale Forschungsprojekte und Grundlagenforschungsvorhaben.

Ansprechpartner für die MPN-Initiative der SAL sind

Prof. Dr. med. Steffen Koschmieder (skoschmieder@ukaachen.de)
Prof. Dr. med. Tim Brümmendorf (tbruemmendorf@ukaachen.de)
Dr. med. Susanne Isfort (sisfort@ukaachen.de)

Klinik für Onkologie, Hämatologie und Stammzelltransplantation
Universitätsklinikums Aachen
Pauwelsstr. 30
52074 Aachen
Tel. 0241-808 9805
Fax 0241-808 2449

Erstellt von: Hehn (Informationszentrum) am 02.02.2015, letzte Änderung: 30.03.2015