Förderprojekt 2010

Arbeitsgruppe Morphologie -
Intensivausbildung hämatologische Zytomorphologie

Autor: A. Giagounidis, Marienhospital Düsseldorf; aus dem Rundbrief Nr. 17.

Wenn man eine Untersuchung definieren sollte, die in der Hämatologie neu zum Einsatz kommen sollte, böte sich folgender Steckbrief an: Die Methode sollte jederzeit angewendet werden können, sie sollte mit geringem Aufwand rasch zu einem Ergebnis kommen, sollte eine hohe Sensitivität und Spezifität haben und möglichst billig sein. An diesen Kriterien gemessen ist die hämatologische Zytologie des Knochenmarkausstrichs, die Zytopathologie von Pleuraergüssen, Aszitespunktaten, Liquorproben oder Lymphknotenfeinnadelpunktaten kaum zu übertreffen. Egal ob Liquorpunktion, Knochenmarkaspiration, Pleuraerguss- oder Aszitespunktion: Jede dieser Maßnahmen kann bettseitig rasch und ohne großen Aufwand durchgeführt werden. Die Durchführung einer Standardfärbung nach Pappenheim dauert nur etwa eine halbe Stunde, sie kann rasch erlernt werden (es soll sogar Ärzte geben, die wissen wie es geht!), die Kosten sind sehr gering, die Aussagekraft der Untersuchung ist bereits ohne Hinzunahme von Spezialfärbungen hoch, und sie kann zu jeder Tages- und Nachtzeit durchgeführt werden. Unzählige Beispiele aus dem klinischen Alltag unterstreichen den Stellenwert der Methode: Die berühmte M3-Freitagsleukämie, der unklare Pleuraerguss oder der rasch wachsende retroperitoneale Lymphknotenbulk sind Paradebeispiele für eine Methode, die von jedem Hämatologen erlernt werden sollte. Nicht umsonst schreibt die Weiterbildungsordnung zum Arzt für Hämatologie regelhaft 500 zytologische Untersuchungen des Knochenmarks und anderer Aspirate vor. Der limitierende Faktor ist die Ausbildungskapazität unserer hämatologischen Einrichtungen und die zunehmende Spezialisierung junger Ärzte auf komplexe Untersuchungsverfahren wie der Durchflusszytometrie und den molekularen Untersuchungen inklusive FISH-Untersuchungen, Genexpressionsanalysen, SNP-Arrays oder Proteomics. In Zeiten, in denen der hämatologischen Zytologie regelhaft der sudden death vorhergesagt wird, erfreut sich diese Methode jedoch einer ungebrochenen Beliebtheit bei all denen, die wissen, dass einem Arzt mit einer sicheren Hand, einer scharfen Nadel und einem verlässlichen Mikroskop, nicht so schnell Bange zu machen ist. Strukturierte Weiterbildung in der hämatologischen Zytologie ist jedoch leider Mangelware, so dass sich das Kompetenznetz Akute und chronische Leukämien entschloss, strukturierte Weiterbildungsangebote nach dem Prinzip „5 x 4“ (5 Tage je 4 Stunden) zu fördern, die unter der Leitung von Priv.-Doz. Dr. A. Giagounidis und Frau Dr. A. M. Asemissen in regelmäßigen Abständen für Interessierte angeboten werden. Dabei beruht das Konzept auf der Eigenschaft der full immersion: Maximal drei Auszubildende werden von einem bis zwei Tutoren an die hämatologische Zytologie herangeführt. Dabei werden anfänglich periphere Blutausstriche mikroskopiert, die den Blick für die wesentlichen diagnostischen Parameter schärfen sollen: Erythroide Anomalien (Anisozytose, Poikilozytose, Polychromasie, Anulozyten, Sphärozyten, Elliptozyten, Targetzellen, basophile Tüpfelung, Parasitenbefall, Howell-Jolly-Körperchen), granulozytäre Auffälligkeiten (Linksverschiebung, Hiatus leukaemicus, Hyper- oder Hyposegmentierungen, Hypogranulierungen, toxische Granulation, Eosino- oder Basophilie), Lymphozytenanomalien (Haarzellen, Sézary-Zellen, T- und B-Zell-Lymphome) sowie Thrombozytenveränderungen (Riesenthromboyzten, Anisometrie, Mikrothrombozyten, Thrombozytenaggregate). Danach werden strukturiert die einzelnen Erkrankungen im Knochenmark untersucht. Erfahrungsgemäß ist vor allem die Abgrenzung reaktiver Veränderungen von malignen Erkrankungen des MDS-Formenkreises besonders schwierig. Aber auch die diagnostischen Kriterien der verschiedenen AML-Erkrankungen, Hinweise auf myeloproliferative Erkrankungen im Knochenmark und Lymphomerkrankungen, Knochenmarkkarzinosen, aplastische Syndrome inklusive der pure red cell aplasia werden demonstriert und am Monitor bzw. am Lehrmikroskop demonstriert. Nach 20 Stunden intensiver zytologischer Unterweisung haben die Kollegen das Rüstzeug erworben, sich der hämatologischen Zytologie in größerem Rahmen zu widmen. Mit Hilfe der Unterstützung des Kompetenznetzes Akute und chronische Leukämien ist es mittlerweile gelungen, 10 hämatologische Kollegen aus Deutschland und der Schweiz in unseren Intensivkursen auszubilden. Weitere Ausbildungen werden nach dem Umzug von Dr. Giagounidis am Marienhospital in Düsseldorf stattfinden. Ein Fünf-Personen-Multiokular-Präsentationsmikroskop vor Ort erlaubt, die Zahl der Auszubildenden auf drei bis vier auszuweiten.

Erstellt von: Hehn (Informationszentrum) am 15.07.2014, letzte Änderung: 15.07.2015