Förderprojekt 2006

Neuer Ansatz zum Studium epigenetischer Veränderungen bei der akuten myeloischen Leukämie

Autoren: A. Weise, T. Liehr, Institut für Humangenetik und Anthropologie, Jena; aus dem Rundbrief Nr. 11.

Für die Einteilung von akuten Leukämien in therapeutisch relevante Risikogruppen ist unter anderem die Bestimmung der Chromosomenzahl und -integrität im Knochenmark des betroffenen Patienten von hoher Bedeutung. Basierend auch auf solchen zytogenetischen Daten wurden in den letzten Jahren bemerkenswerte Fortschritte bei der Behandlung von leukämischen Erkrankungen gemacht. Dennoch zeigt die Tatsache, dass 30-50 % der Fälle mit akuter myeloischer Leukämie (AML) nach Durchführung einer zytogenetischen Diagnostik mit einem scheinbar normalen Chromosomenbefund aufwarten, dass kryptische, also mit herkömmlichen Verfahren nicht nachweisbare Veränderungen in einem wesentlichen Teil dieser Fälle vorliegen dürften. Diese Vermutung wurde auch durch eigene Studien mittels neuester molekular-zytogenetischer Analyseverfahren bereits bestätigt.
Aus der Literatur ergaben sich neuerdings außerdem Hinweise, dass in einem Teil der AML-Fälle so genannte epigenetische Veränderungen vorliegen können. Dies sind solche Abweichungen von der normalen (genetischen) Konstitution der Körperzellen eines Patienten, welche nicht auf Veränderungen in der DNA-Sequenz zurück gehen, aber dennoch eine Änderung der Genregulation und Genexpression bewirken können. Dies kann folgendermaßen geschehen: In allen nicht-maligne entarteten Körperzellen einer gesunden Person sind in der Regel von zwei homologen Chromosomen je eines mütterlichen und das andere väterlichen Ursprungs. Eine epigenetische Veränderung in Krebszellen kann vorliegen, wenn z.B. ein ganzes oder Teile eines mütterlichen Chromosoms verloren gehen, und diese(s) durch die entsprechenden Teile des väterlichen Chromosoms ersetzt werden. Hierbei bleibt der Chromosomensatz scheinbar unverändert.
Derartige Veränderungen waren bislang nur mittels molekulargenetischer Analysen erfassbar, wenn sie in der überwiegenden Mehrzahl des Untersuchungsgutes vorliegen. Bei Leukämien, in denen die malignen Zellen oft zu einem sehr starken Anteil mit normalen Blutzellen vermischt sind, ist das also nicht immer möglich. In einem von der „Stiftung Leukämie“ geförderten Projekt am Institut für Humangenetik und Anthropologie, Jena werden derartige Veränderungen erstmals in Einzelzellen nachweisbar sein. Mittels eines neuen molekularzytogenetischen Verfahrens (parental origin detemination fluorescence in situ hybridization = pod-FISH) werden wir der Frage nachgehen, wie häufig es im Rahmen der AML zu derartigen, bisher unerkannten/nicht erkennbaren Veränderungen bestimmter chromosomaler Abschnitte kommt. Im Fokus dieser epigenetischen Studien stehen die bekanntermaßen häufig in die AML involvierten Chromosomen 8, 11 und 16. Mittelfristig wird durch die hier erzielten Erkenntnisse eine bessere individualorientierte Prognosedifferenzierung bei der AML erreicht werden.

Erstellt von: Hehn (Informationszentrum) am 15.07.2014, letzte Änderung: 15.07.2015