Klassifikation

Myelodysplastische Syndrome (MDS) sind erworbene klonale Stammzellerkrankungen, die durch normale bis erhöhte Zelldichte des Knochenmarks, unterschiedlich ausgeprägte Reifungsstörungen der Hämatopoese, quantitative Veränderungen (im Regelfall Verminderungen) peripherer Blutzellen und erhöhtes Risiko der Entwicklung einer akuten myeloischen Leukämien charakterisiert sind. Auszuschließen sind verschiedene benigne und maligne Störungen der Hämatopoese, die zu formal ähnlicher Knochenmarkmorphologie („Myelodysplasie“) führen können, aber auf anderen Pathomechanismen bzw. Ursachen beruhen.

WHO-Klassifikation 2008

Autor: Ulrich Germing für die Deutsche MDS-Studiengruppe, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Im Februar 2007 traf sich eine WHO Arbeitsgruppe zur Revision der Definitionen und Klassifikation der Myeloischen Neoplasien [1]. Aufbauend auf der WHO Klassifikation von 2001 (Blue Book) wurden bei den MDS einige Neuerungen beschlossen, die in der 4. Auflage des Blue Book 2008 erschienen sind. Ziele der Klassifikation sind zum einen einheitliche Krankheitsentitäten zu definieren, die sich klinisch, prognostisch und wenn möglich zytogenetisch und molekular voneinander abgrenzen lassen. Die WHO 2001 Klassifikation hat sich trotz anfänglicher Kritik durchgesetzt, obwohl sie morphologisch anspruchsvoll ist, denn sie hat vor allem im Hinblick auf die Prognose wesentliche Informationen geliefert. Daher sind die wesentlichen Einteilungskriterien peripherer und medullärer Blastenanteil, Ausmaß der Dysplasien und Zytogenetik unverändert geblieben. Neu ist zum einen, dass der Begriff der Refraktären Anämie von „Refraktäre Zytopenie mit unilineärer Dysplasie“ abgelöst wird, um den Patienten Rechnung zu tragen, die sich mit einer Einliniendysplasie und Zytopenie ohne Anämie präsentieren. Die Gruppen der multilineären Dysplasien, früher RCMD und RCMD-RS werden jetzt in einer Gruppe zusammengefasst, und der Nachweis von Ringsideroblasten nicht mehr klassifikatorisch herangezogen, da die Prognose beider Gruppen identisch ist. Zudem wird der Begriff des 5q-Syndromes der Bezeichnung MDS mit del(5q) weichen. Die Gruppen RAEB I und II wurden unverändert gelassen. Die Kategorie MDS unclassified wurde neu definiert. RCUD Patienten mit Panzytopenie und RCUD und RCMD mit 1 % peripheren Blasten werden in diese Kategorie eingeteilt. Zudem werden Patienten als MDS-U kategorisiert, die zwar weniger als 10 % dysplastische Zellen im Knochenmark aufweisen, aber einen MDS-typischen chromosomalen Befund zeigen. Insbesondere die Kategorie MDS-U bedarf der Evaluation.
Als eingeständige Entität innerhalb der mixed MDS/MPS Neoplasia Gruppe wurde die RARS-T bestätigt. Diese Patienten präsentieren sich mit einer Ringsideroblastischen Anämie und Thrombozytose über 600.000/μl und zeigen meist eine JAK2-Mutation. Die unter anderem von den Deutschen MDS Gruppen publizierten Daten zur Klassifikation sind erneut bei der Revision der WHO Klassifikation berücksichtigt worden. Die im Kompetenznetz beteiligten Zentren (u.a. Deutsch-Österreichisch-Schweizerische MDS Gruppe) arbeiten im Rahmen eines einheitlichen Registers mit zentralem zytomorphologischen Review in Düsseldorf und zytogenetischem Review in Göttingen eng zusammen, um möglichst viele Fragestellungen zu Prognose beantworten zu können. Hierzu gehören unter anderem auch die Projekte zum MDS mit Fibrose und zum therapieassoziierten MDS.

Unterform

Knochenmarkbefunde

Blutbefunde

Refraktäre Zytopenie mit unilineären Dysplasien (RCUD)
Refraktäre Anämie (RA)
Refraktäre Thrombozytopenie (RT)
Refraktäre Neutropenie (RN)

< 5 % Blasten
unilineär
< 15 % Ringsideroblasten

< 1 % Blasten

Refraktäre Anämie mit Ringsideroblasten (RARS)

< 5 % Blasten
Dyserythropoese
≥ 15 % Ringsideroblasten

< 1 % Blasten

Refraktäre Zytopenie mit multilineären Dysplasien (RCMD)

< 5 % Blasten
Dysplasien in ≥ 10 % der Zellen in 2-3 Linien
keine Auerstäbchen
± 15% Ringsideroblasten

< 1 % Blasten
Zytopenie
keine Auerstäbchen
Monozyten < 1000/µL

MDS mit del(5q)

< 5 % Blasten
Normale oder vermehrte Megakaryozyten
del(5q) zytogenetisch nachweisbar
keine Auerstäbchen

< 1 % Blasten
Anämie
Normale oder vermehrte Blutplättchen

Refraktäre Anämie mit Blastenüberschuss I (RAEB I)

< 10 % Blasten
uni- oder multilineäre Dysplasien
keine Auerstäbchen

< 5 % Blasten
Zytopenie(n)
keine Auerstäbchen
Monozyten < 1000/µL

Refraktäre Anämie mit Blastenüberschuss II (RAEB II)

< 20 % Blasten
uni- oder multilineäre Dysplasien
Auerstäbchen

< 20 % Blasten
Zytopenie(n)
Auerstäbchen
Monozyten < 1000/µL

Unklassifizierte MDS (MDS-U)

< 5 % Blasten
eindeutige Dysplasie in < 10 % der Zellen einer oder mehrerer Zellreihen mit zytogenetisch typischem MDS-Befund

< 1 % Blasten
Zytopenien

Referenzen und Quellen

  1. Vardiman JW, Thiele J, Arber DA, Brunning RD, Borowitz MJ, Porwit A, Harris NL, Le Beau MM, Hellström-Lindberg E, Tefferi A, Bloomfield CD. The 2008 revision of the World Health Organization (WHO) classification of myeloid neoplasms and acute leukemia: rationale and important changes. Blood. 2009;114(5):937-51. PMID: 19357394. doi: 10.1182/blood-2009-03-209262.

Erstellt von: Hehn (Informationszentrum) am 23.09.2014, letzte Änderung: 12.03.2015