Aktuelle Therapieempfehlungen der AML-Intergroup für die Behandlung der akuten Promyelozytenleukämie

Die akute Promyelozytenleukämie (APL) ist eine seltene myeloische Neoplasie. Sie umfasst etwa 5 bis 10 % der Fälle von akuter myeloischer Leukämie. Die geschätzte Anzahl an Neuerkrankungen in Deutschland wird auf etwa 200 bis 300 Fälle pro Jahr geschätzt. Die diagnostisch beweisende Chromosomentranslokation t(15;17) und die entsprechenden Fusionsgene PML/RARA und RARA/PML erlauben eine zweifelsfreie Abgrenzung von allen anderen Leukämieformen. Aufgrund der hohen Rate an Blutungskomplikationen durch begleitende Gerinnungsstörungen galt diese Leukämieform in der Vergangenheit als besonders aggressiv und lebensbedrohlich.

Autoren: Uwe Platzbecker, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden; Eva Lengfelder, Universitätsklinikum Mannheim; Richard F. Schlenk, Universitätsklinikum Ulm.

Durch die Einführung verschiedener Substanzen wurde die Prognose bei der APL schrittweise verbessert. Der primäre Durchbruch bestand im Einsatz von Antrazyklinen, die erstmals einen kurativen Therapieansatz darstellten. Die Kombination der differenzierenden Substanz All-trans-Retinsäure (ATRA) mit anthrazyklin-basierter Chemotherapie konnte die Heilungsrate verdoppeln. Auf der Basis der zunächst überwiegend im südeuropäischen Raum eingesetzten aus ATRA und hohen Antrazyklindosen bestehenden Therapieschemata wurde ein Prognosescore entwickelt, der zwischen Standardrisiko (low/intermediate risk; initiale Leukozytenzahl ≤10 000/µl) und hohem Rezidivrisiko (high risk; initiale Leukozytenzahl >10 000/µl) unterscheidet und die Therapieintensität danach stratifiziert.

Durch die weitere Optimierung der APL-Therapie, zumeist auf der Basis dieser Stratifizierung, wird derzeit ein Langzeitüberleben von etwa 80 % der Patienten mit neu diagnostizierter APL ermöglicht. Abgesehen von Abweichungen in Zusammensetzung und Dosierung der Chemotherapie der einzelnen Schemata besteht das Konzept dieser herkömmlichen Standardtherapie international einheitlich aus Induktionstherapie, meist mehreren Konsolidierungszyklen und Erhaltungstherapie.

Arsenderivate werden in der chinesischen Medizin seit langem bei malignen und entzündlichen Erkrankungen eingesetzt und stellen die wirksamste Monosubstanz in der Therapie der APL dar. Arsentrioxid (ATO) ist seit dem Jahre 2003 für Behandlung der rezidivierten APL zugelassen. Jüngere Daten zeigen, dass ATO auch in der Primärtherapie der APL hoch effizient ist. Dies wurde insbesondere durch die Resultate einer randomisierten italienisch-deutschen Studie bei Patienten mit Standardrisiko deutlich. In dieser Studie wurde das Konzept der PETHEMA/GIMEMA-Studien (ATRA und Anthrazykline gefolgt von Erhaltungstherapie) mit einer Induktion und vier Konsolidierungszyklen, bestehend aus ATO und ATRA ohne nachfolgende Erhaltungstherapie, verglichen. Das Gesamtüberleben und das ereignisfreie Überleben nach zwei Jahren waren im chemotherapiefreien ATO-Arm signifikant besser als im konventionellen Arm bei gleichzeitig niedrigerer Frühtodesrate im ATO-Arm. Diese Daten zeigen, dass die Kombination von ATO und ATRA zumindest bei Patienten mit Standardrisiko eine weniger toxische Alternative zu den herkömmlichen Konzepten darstellt [1].

ATO ist für die Primärtherapie nicht zugelassen. In Deutschland ist die Substanz im Rahmen eines individuellen Heilversuches im off label use in der Primärtherapie einsetzbar. Zur Einschätzung der Wirksamkeit und Sicherheit von ATO bei Hochrisiko-Patienten ist eine internationale Studie in Planung.

Die APL ist somit bislang die erste und einzige Leukämieform, bei der durch eine chemotherapiefreie Behandlung Heilung möglich ist.

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Therapieempfehlung der AML-Intergroup (Version 3)

Referenzen und Quellen

  1. Lo-Coco F, Avvisati G, Vignetti M, Thiede C, Orlando SM, Iacobelli S, Ferrara F, Fazi P, Cicconi L, Di Bona E, Specchia G, Sica S, Divona M, Levis A, Fiedler W, Cerqui E, Breccia M, Fioritoni G, Salih HR, Cazzola M, Melillo L, Carella AM, Brandts CH, Morra E, von Lilienfeld-Toal M, Hertenstein B, Wattad M, Lübbert M, Hänel M, Schmitz N, Link H, Kropp MG, Rambaldi A, La Nasa G, Luppi M, Ciceri F, Finizio O, Venditti A, Fabbiano F, Döhner K, Sauer M, Ganser A, Amadori S, Mandelli F, Döhner H, Ehninger G, Schlenk RF, Platzbecker U; Gruppo Italiano Malattie Ematologiche dell'Adulto; German-Austrian Acute Myeloid Leukemia Study Group; Study Alliance Leukemia. Retinoic acid and arsenic trioxide for acute promyelocytic leukemia. N Engl J Med. 2013;369(2):111-21. PMID: 23841729. doi: 10.1056/NEJMoa1300874.

Erstellt von: Hehn (Informationszentrum) am 17.09.2014, letzte Änderung: 10.07.2015