Autoren: Dr. Nicola Gökbuget und Kristina Ihrig, Klinikum der Johann Wolfgang Goethe Universität, Medizinische Klinik II, Frankfurt am Main, aus dem 16. Rundbrief, Dezember 2011.
Die Clinical Trials Directive 2001/20/EC, die 2001 von der EU in Kraft gesetzt und im Jahr 2004 mit der 12. AMG-Novelle in deutsches Recht übernommen wurde, hatte erhebliche negative Konsequenzen für die unabhängige akademische Forschung in Deutschland. Die Ursache liegt vor allem darin, dass für Therapieoptimierungsstudien und akademische Studien mit zugelassenen Substanzen ab diesem Zeitpunkt die gleichen regulatorischen Prozesse wie für Zulassungsstudien der pharmazeutischen Industrie eingehalten werden müssen. Ethikkommissionen, Zulassungsbehörden und lokale Überwachungsbehörden haben in der praktischen Umsetzung auch für diese Studien eine maximal strenge Auslegung der regulatorischen Rahmenbedingungen erkennen lassen. Dabei wird die Tatsache nicht beachtet, dass Therapieoptimierungsstudien für Patienten kein zusätzliches Risiko darstellen, sondern dass im Gegenteil die Hemmung dieser Studien zu einem erheblichen Risiko für eine adäquate und qualitätskontrollierte Behandlung wird.
In zahlreichen Publikationen wurde seither massive Kritik sowohl an der nationalen als auch europäischen Gesetzgebung geäußert [1-6]. Die EU-Kommission, vertreten durch das Industries and Enterprise Directorate-General und später das Health and Consumers Directorate-General hat daher bereits im Jahr 2009 zu einer Kommentierung der Problematik öffentlich aufgefordert.
Im Jahr 2011 wurde nun angesichts der geplanten Revision der Direktive 2001/20/EC ein erneuter öffentlicher Konsultationsprozess eingeleitet. Die EU-Kommission hat bereits in ihrer Einleitung zu dem Konsultationsdokument erkennen lassen, dass die Probleme mit der EU-Direktive, insbesondere die mangelnde europäische Harmonisierung und die Hemmung der unabhängigen klinischen Forschung, durchaus erkannt wurden. Ziel des Konsultationsverfahrens war es, gezielt Fragen zur konkreten Verbesserung der gesetzlichen Bestimmungen zu beantworten. Hierbei ging es beispielsweise um die Modalitäten der Behördeneinreichung bei internationalen Studien, die Einreichung bei Ethikkommissionen, die Risikoeinschätzung bei klinischen Studien, die Abgrenzung akademischer und industriegesponsorter Studien, die Definition des Begriffs ‚Prüfpräparat’, Probandenversicherung, die geteilte Sponsorrolle bei internationalen Studien und den Begriff der nicht interventionellen Studien.
Wie schon während des ersten Konsultationsverfahrens haben wir im Namen des Kompetenznetzes Leukämien, des Kompetenznetzes Maligne Lymphome, der DGHO und des European LeukemiaNet eine Stellungnahme eingereicht. Kernthesen der Stellungnahme waren
Eine Chance auf eine Verbesserung der regulatorischen Situation könnte in einer risikoadaptierten Einstufung klinischer Studien liegen. Mit ‚Risiko’ ist in diesem Zusammenhang aus Sicht der Behörden das Risiko für Patientenrechte, -sicherheit und Datenqualität gemeint. So hat eine Studie, die in ihrem Therapieansatz der Standardversorgung entspricht und klar definierte Endpunkte, z.B. Überleben, erfasst, in diesen Dimensionen ein geringes Risiko. Entsprechend müsste für solche Studien der regulatorische Aufwand auf ein Minimum reduziert werden. Vorzuziehen wäre die Definition von Therapieoptimierungsstudien als nicht-interventionelle Studien. Dann würde nur ein Ethikvotum am Standort des Studienleiters, aber keine BfArM-Meldung, keine Probandenversicherung und kein zeitsensitives Safety-Management anfallen. Eine eindeutige Definition eines solchen Studientyps müsste erstellt werden.
Momentan ist noch nicht klar, ob die EU-Kommission den geplanten Gesetzentwurf einer weiteren öffentlichen Konsultation unterziehen wird. In jedem Fall ist aufgrund der langwierigen politischen Prozesse in Brüssel und im EU-Parlament mit einer Umsetzung nicht innerhalb der nächsten drei Jahre zu rechnen.
Alle an Studien interessierten Mitglieder des Kompetenznetzes werden daher weiterhin gebeten, sich bei geeigneten Personen auf politischer Ebene für eine rasche Novellierung des Deutschen Arzneimittelgesetzes einzusetzen. Über eine Kontaktaufnahme mit der AG Studienzentralen im Kompetenznetz Leukämien zur Bündelung von Aktivitäten würden wir uns freuen.
Die vollständige Stellungnahme haben wir Ihnen hier zur Verfügung gestellt.
EU consultation paper
(1.3 MB)
1. Elwyn G, Seagrove A, Thorne K, Cheung WY. Ethics and research governance in a multicentre study: add 150 days to your study protocol. BMJ. 2005;330(7495):847.
2. Frewer LJ, Coles D, Champion K, et al. Has the European Clinical Trials Directive been a success? BMJ. 2010;340:c1862.
3. Hackshaw A, Farrant H, Bulley S, Seckl MJ, Ledermann JA. Setting up non-commercial clinical trials takes too long in the UK: findings from a prospective study. J R Soc Med. 2008;101(6):299-304.
4. Hearn J, Sullivan R. The impact of the 'Clinical Trials' directive on the cost and conduct of non-commercial cancer trials in the UK. Eur J Cancer. 2007;43(1):8-13.
5. Hemminki A, Kellokumpu-Lehtinen PL. Harmful impact of EU clinical trials directive. BMJ. 2006;332(7540):501-502.
6. Tyndall A. Why do we need noncommercial, investigator-initiated clinical trials? Nat Clin Pract Rheumatol. 2008;4(7):354-355.
Investigator-initiierte Studien (IITs) und insbesondere Therapieoptimierungsstudien (TOS) besitzen in der Hämatologie/Onkologie beginnend mit der Gründung von Multicenterstudiengruppen im Rahmen einer Initialförderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Jahre 1978 eine langjährige Tradition.
Diese Therapieoptimierungsstudien verbinden Versorgung und Forschung miteinander. Den Studiengruppen im Bereich der Hämatologie ist dies in den letzten Jahren hervorragend gelungen und die Heilungschancen für Leukämien und Lymphome konnten substantiell verbessert werden. Gleichzeitig haben ihre wissenschaftlichen Aktivitäten auch international höchste Anerkennung gefunden.
Im Zuge der Harmonisierung nationaler Gesetze zur Studiendurchführung durch die europäische CT-Direktive wurden in Deutschland mit der 12. AMG-Novelle 2004 die Rahmenbedingungen für IITs umfassend geändert: Akademische IITs müssen nun die gleichen Bedingungen wie Zulassungsstudien der pharmazeutischen Industrie erfüllen. Zugleich stehen den akademischen Sponsoren, die nicht markt-, sondern forschungsorientiert Studien veranlassen, keine ausreichenden finanziellen Mittel zur Verfügung, um die neuen und kostenintensiven Aufgaben zu bewältigen. In Deutschland und Nachbarländern wird seither von den negativen Effekten dieser Änderung auf die unabhängige, versorgungsnahe Forschung berichtet. Die Erfahrungen seit der Novelle zeigten, dass die Fortführung unabhängiger Studien zur Therapieoptimierung ernsthaft gefährdet ist.
Um die Situation, die Motivation und Problemschwerpunkte für diese Studien in Deutschland näher zu charakterisieren und erstmals konkrete Zahlen zu erfassen wurde im Rahmen des KNL eine Umfrage initiiert und in Kooperation mit anderen Netzen, Fachgesellschaften und Verbänden realisiert.
Eine Publikation ist in Vorbereitung.