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Myelodysplastische Syndrome

Erstellt von: Hellenbrecht (Infozentrum Projekt 2) , am: 22.11.2006, letzte Änderung: 19.02.2009


Autoren: C. Aul 1, W. Verbeek 2, A. Giagounidis 1, A. Ganser 3

1 Med. Klinik II (Hämatologie, Onkologie und klinische Immunologie) des St. Johannes- Hospitals Duisburg Hamborn, An der Abtei 7-11, 47166 Duisburg
2 Kliniken Maria Hilf GmbH, Viersener Str. 450, 41063 Mönchengladbach
3 Abteilung Hämatologie und Onkologie, Zentrum Innere Medizin, Med. Hochschule Hannover, Carl-Neuenberg-Str. 1, 30625 Hannover

Definition und Basisinformation

Myelodysplastische Syndrome (MDS) sind erworbene klonale Stammzellerkrankungen, die durch normale bis erhöhte Zelldichte des Knochenmarks, unterschiedlich ausgeprägte Reifungsstörungen der Hämatopoese, quantitative Veränderungen (im Regelfall Verminderungen) peripherer Blutzellen und erhöhtes Risiko akuter myeloischer Leukämien (AML) charakterisiert sind. Auszuschließen sind verschiedene benigne und maligne Störungen der Hämatopoese, die zu formal ähnlicher Knochenmarkmorphologie („Myelodysplasie“) führen können, aber auf anderen Pathomechanismen bzw. Ursachen beruhen. Medianes Erkrankungsalter > 60 Jahre, zunehmende Häufigkeit im jüngeren Lebensalter. Inzidenz in der Gesamtbevölkerung ca. 4/10 5/Jahr, nach dem 70. Lebensjahr 20-50/10 5/Jahr. Männer und Frauen erkranken etwa gleich häufig (Ausnahme: 5qminus-Syndrom M/F = 0,5/1).

Klassifikation

Einteilung nach auslösenden Ursachen

  • de novo („primäres“) MDS: keine auslösenden Noxen bekannt, über 90% der Krankheitsfälle
  • „sekundäres“ MDS: selten, fast immer mit Chromosomendefekten assoziiert, ungünstige Prognose
  • therapieinduzierte Formen: nach früherer Chemotherapie (besonders alkylierende Substanzen, Epipodophyllotoxinderivate, Anthrazykline und Cisplatin), Hochdosis-Chemotherapie/Stammzelltransplantation (MDS-Risiko nach 5-10 Jahren 3-20%), Strahlenbehandlung oder kombinierter Radiochemotherapie
  • nach Einwirkung anderer leukämogener Noxen: organische Lösungsmittel (Benzol, halogenierte Kohlenwasserstoffe)

Einteilung nach morphologischen Gesichtspunkten (WHO-Klassifikation)

Die 1999 von einer Expertengruppe der World Health Organization vorgeschlagene WHO-Klassifikation [HARRIS1999] hat die früher gebräuchliche FAB-Klassifikation [BENNETT1982] abgelöst und unter-scheidet anhand morphologischer und zytogenetischer Kriterien acht Untergruppen des MDS:

refraktäre Anämie (RA): Einlinien-MDS mit ausschließlicher Beteiligung der Erythrozytopoese, Häufigkeit 5-10%, peripherer Blastenanteil < 1%, medullärer Blastenanteil < 5%, Ringsideroblasten < 15% der roten Vorstufen, mediane Überlebenszeit > 5 Jahre, kumulatives Leukämierisiko 7,5-26% refraktäre Anämie mit Ringsideroblasten (RARS): Einlinien-MDS mit ausschließlicher Beteiligung und ringsideroblastischer Störung der Erythrozytopoese, Häufigkeit 10-12%, peripherer Blastenanteil < 1%, medullärer Blastenanteil < 5%, Ringsideroblasten > 15% der roten Vorstufen, mediane Überlebenszeit > 5 Jahre, kumulatives Leukämierisiko 1-2% refraktäre Anämie mit multilineärer Dysplasie (RCMD): Mehrlinien-MDS mit morpholo-gischer Beteiligung von mindestens 2 Zellreihen der Hämatopoese, Häufigkeit 25%, peri-pherer Blastenanteil < 1%, medullärer Blastenanteil < 5%, Ringsideroblasten < 15% der roten Vorstufen, mediane Überlebenszeit ca. 3 Jahre, kumulatives Leukämierisiko 10% refraktäre Anämie mit multilineärer Dysplasie und Nachweis von Ringsideroblasten (RCMDRS): Mehrlinien-MDS mit morphologischer Beteiligung von mindestens 2 Zell-reihen der Hämatopoese und ringsideroblastischer Störung der Erythrozytopoese, Häufigkeit 15%, peripherer Blastenanteil < 1%, medullärer Blastenanteil < 5%, Ringsidero-blasten > 15% der roten Vorstufen, mediane Überlebenszeit ca. 3 Jahre, kumulatives Leukämierisiko 10-15% refraktäre Anämie mit Blastenvermehrung 1 (RAEB-1): Häufigkeit ca. 20%, peripherer Blastenanteil < 5%, periphere Monozytenzahl < 1000/μl, medullärer Blastenanteil 5-9%, keine Auer-Stäbchen, mediane Überlebenszeit 1-2 Jahre, kumulatives Leukämierisiko 20-30% refraktäre Anämie mit Blastenvermehrung 2 (RAEB-2): Häufigkeit 15-20%, peripherer Blastenanteil 5-19%, periphere Monozytenzahl < 1000/μl, medullärer Blastenanteil 10-19%, fakultativ Auer-Stäbchen, mediane Überlebenszeit ca. 1 Jahr, kumulatives Leukämierisiko 35-50% MDS mit isolierter 5qminus-Deletion (5qminus-Syndrom): Häufigkeit < 3%, peripherer Blastenanteil < 5%, medullärer Blastenanteil < 5%, mononukleäre Megakaryozyten, zytogenetisch interstitielle Deletion des langen Arms von Chromosom 5 (5q), mediane Überlebenszeit ca. 10 Jahre, kumulatives Leukämierisiko < 10%
unklassifiziertes MDS (MDS-U): erfüllt nicht die Kriterien der RA, RARS, RCMD, RCMDRS oder RAEB, Häufigkeit bis 20%, peripherer Blastenanteil < 1%, medullärer Blastenanteil < 5%, mediane Überlebenszeit und kumulatives Leukämierisiko noch nicht bekannt

Morphologische Sonderformen mit noch unsicherer nosologischer Stellung: hypoplastisches MDS, MDS mit Myelofibrose (Knochenmarkbiopsie zur Diagnosestellung erforderlich).
Die frühere RAEB/T-Gruppe wurde von der WHO-Gruppe als AML klassifiziert (medullärer Blastenanteil ≥ 20%). Die chronische myelomonozytäre Leukämie (CMML) wurde in eine neue Gruppe hämatopoetischer Neoplasien mit überlappenden Merkmalen myelodysplasti-scher und myeloproliferativer Syndrome (myelodysplastische/myeloproliferative Erkrankun-gen, MDS/MPD) eingeordnet. In Tabelle 1 sind die FAB-Klassifikation [BENNETT1982] und die WHO-Klassifikation [HARRIS1999] der myelodysplastischen Syndrome vergleichend gegenübergestellt.

Tabelle 1: Klassifikation der myelodysplastischen Syndrome

FAB-Subtyp (Bennett, 1982)WHO Subtyp (Harris, 1999)% Blasten Knochen-mark% Blasten peripheres BlutMonozyten > 1000/μl peri-pheres Blut> 15% Ring- sideroblasten
RA RA* < 5 <1 - -
RARS RARS* < 5 <1 - +
 Refraktäre Zyto-penie mit multili-neärer Dysplasie** <1 - +/-
 5q- Syndrom <1 - +/-
RAEB RAEB 5-20 <5 - +/-
 MDS unklassi-fizier-bar <5-20 <5 - +/-
CMML -- 0-20 < 5 + +/-
RAEB-T -- 21-30 < 5 +/- +/-

* Dysplasien nur in der erythroiden Differenzierungslinie
** Dysplasien in mindestens zwei Differenzierungslinien
RA = refraktäre Anämie
RS = Ringsideroblasten
RAEB = refraktäre Anämie mit Blastenvermehrung
CMML = chronisch myelomonozytäre Leukämie
Die CMML fällt in der WHO Klassifikation in die separate Gruppe der myelodysplastischen/myeloproliferativen Erkrankungen.
RAEB-T wird in der WHO Klassifikation zur akuten myeloischen Leukämie gerechnet.

Diagnoseverdacht

Anämiesymptome, Infekt- und Blutungskomplikationen oder Mono-, Bi- oder Panzytopenie bei älteren Patienten. Bis zu 50% der Krankheitsfälle werden „zufällig“ anlässlich einer routinemäßig durchgeführten Blutbilduntersuchung diagnostiziert.

Diagnosebeweis

Typische Knochenmarkmorphologie (dysplastische Veränderungen der Hämatopoese, eventuell mit Blastenvermehrung) bei Ausschluss anderer, zu Panzytopenie führender Erkrankungen. Nachweis klonaler Aberrationen bei zytogenetischer Untersuchung des Knochenmarkaspirates.

Wichtigste Differentialdiagnosen

Aplastische Anämie, pure red cell anemia (PRCA), paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie (PNH), medikamentös-toxischer Knochenmarkschaden, Vitamin B12-/Folsäuremangel, Alko-holismus, antikörpervermittelte Zytopenien (z. B. SLE, ITP), Erythrozytenfragmentations-syndrome (HUS/TTP), Hyperspleniesyndrom, AIDS, chronische myeloproliferative Syndrome (CMML, atypische CML, CML), akute Leukämien, Haarzellenleukämie und andere maligne Lymphome, Knochenmarkkarzinose

Diagnostik

Erstdiagnostik

  • Anamnese (Alkoholismus, Fehlernährung, frühere Chemo- oder Radiotherapie, Kontakt mit organischen Lösungsmitteln?)
  • körperliche Untersuchung (Anämiezeichen, Infekte, Blutungskomplikationen)
  • Zellzählung, Differentialblutbild (mikroskopische Auswertung!), Retikulozyten
  • LDH, Ferritin, Erythropoietin
  • Globalwerte der Gerinnung, Blutgruppenbestimmung, evtl. HLA-Typisierung.
  • Vitamin B12- und Folsäurespiegel (megaloblastäre Anämien?)
  • Coombs-Test, ANF, HIV, PNH-Diagnostik (s. Kap. B Aplastische Anämie und verwand-te Zytopenien – PNH).
  • Knochenmarkpunktion einschließlich Spezialfärbungen (Eisenfärbung zur Erkennung von Ringsideroblasten, Myeloperoxidasefärbung zur Zuordnung blastärer Zellen) und histologischer Untersuchungen (bei zellarmem Aspirat und Verdacht eines myelofibrotischen MDS obligat)
  • Chromosomenanalyse zum Nachweis zytogenetischer Aberrationen und Prognose-beurteilung nach IPSS-Score
  • Röntgen-Thorax (infektiöse Komplikationen?)
  • Sonographie Abdomen (Splenomegalie?)

Bei spezieller Indikation

  • Immunphänotypisierung von Blut- und Knochenmarkzellen, FISH-Diagnostik und andere molekularbiologische Untersuchungen zur verfeinerten Prognosebeurteilung und zum Klonalitätsnachweis der Hämatopoese.

Prognose

Zur Prognosebeurteilung hat sich das International Prognostic Scoring System (IPSS) durch-gesetzt, bei dem die MDS-Patienten unter Berücksichtigung von drei Risikomerkmalen (medullärer Blastenanteil, Anzahl peripherer Zytopenien und Karyotyp) auf 4 Prognose-gruppen (niedriges Risiko, intermediäres Risiko 1, intermediäres Risiko 2, hohes Risiko) verteilt werden. Mit diesem Score sind Vorhersagen des natürlichen Krankheitsverlaufs (Überlebenszeit und Wahrscheinlichkeit des Leukämierisikos) möglich (Tabelle 2) [GREENBERG1997]. Der IPSS wird zunehmend als Stratifikationsmerkmal für Risiko-adaptierte Behandlungsstrategien herangezogen. Für therapeutische Entscheidungen ist es üblich, die Prognosegruppen 1 und 2 (niedriges Risiko und intermediäres Risiko 1) bzw. 3 und 4 (intermediäres Risiko 2 und hohes Risiko) als „frühe“ bzw. „fortgeschrittene“ MDS-Erkrankungen zusammenzufassen.

Tabelle 2 Internationales prognostisches Scoring System (IPSS)

Score Wert
 0 0,5 1 1,5 2
KM-Blasten (%) < 5 5-10  11-20 21-30
Karyotyp gut intermediär schlecht  
Anzahl der Zytopenien* 0/1 2/3    

Zuordnung des Scores zu Risikogruppen:
• Niedrigrisiko: 0
• Intermediär-1 0,5-1
• Intermediär-2 1,5-2
• Hochrisiko >/= 2
Definition einer Zytopenie:
• Hb < 10 g/dl
• Neutrophile < 1800/μl
• Thrombozyten < 100 000/μl

Tabelle 3 Zytogenetische Gruppen

Zytogenetische Gruppen:
Gut:normaler Karyotyp-Y; del5q; del20q
Schlecht:komplexe r Karyotyp(</=3 Anomalien); Chromosom 7 Anomalien
Intermediär:alle anderen Anomalien 

Verlaufskontrollen

körperliche Untersuchung, Blutbild und Differentialblutbild: Abstände abhängig von klinischen Symptomen des Patienten, WHO-Subtyp, IPSS-Risikoprofil und anderen prognostischen Faktoren
Ferritin bei polytransfundierten Patienten
Knochenmarkpunktion: zum Diagnosebeweis in Frühstadien der Erkrankung, als Ver-laufskontrolle bei abfallenden Blutzellwerten oder Blastennachweis im Differentialaus-strich zur Erkennung einer Krankheitsprogression oder AML-Transformation des MDS
Röntgen-Thorax bei klinischer Begründung

Therapie

Allgemeine Behandlungsstrategie

Mit Ausnahme der allogenen Blutstammzelltransplantation ist bis heute keine kurative Behandlung myelodysplastischer Syndrome gesichert. Bei den meisten Patienten beschränkt sich die Therapie daher auf palliative Maßnahmen, die vor allem auf eine Kompensation der Knochenmarkinsuffizienz abzielen (Blutzellsubstitution, evtl. ergänzt durch hämatopoetische Wachstumsfaktoren, Infektbekämpfung). Bei jüngeren Patienten mit fortgeschrittenem MDS und/oder ungünstigen Risikomerkmalen ist bei Ausschluss von Kontraindikationen eine aggressive Polychemotherapie mit bei AML gebräuchlichen Induktionsprotokollen indiziert.
Bei der Therapieentscheidung müssen neben Krankheitsmerkmalen (WHO-Subtyp, IPSS-Risikopofil) die individuellen Patientenbesonderheiten (Lebensalter, Allgemeinzustand, Vorliegen nicht-hämatologischer Begleitkrankheiten, Abschätzung möglicher Therapie-nebenwirkungen) berücksichtigt werden. Jüngere Patienten (< 50 Jahre) sollten zur Therapie-planung und -optimierung grundsätzlich in einem hämatologischen Zentrum vorgestellt werden.

Supportive Therapie

  • Erythrozytensubstitution nach klinischer Symptomatik, grundsätzlich zurückhaltender Einsatz wegen Gefahr der sekundären Hämosiderose und Antikörperinduktion (Empfehlungsgrad C) [GUPTA1999]
  • Thrombozytensubstitution: Gabe nur bei ausgeprägter Thrombozytopenie (< 10.000/μl) und klinischen Blutungszeichen (Gefahr der Alloimmunisierung!), nach Möglichkeit HLA-angepasste Einzelspenderkonzentrate verwenden
  • infektiöse Komplikationen: Versuch der Infektlokalisation und Erregersicherung; bei schweren, ätiologisch ungeklärten Infektionen „blinde“ Initialtherapie mit einer bakte-riziden Antibiotika-Kombination; prophylaktischer Einsatz von Antibiotika nicht indiziert (s. Kap. B Supportive Therapie).
  • Vermeidung nichtsteroidaler Antirheumatika oder anderer, die Blutungsneigung verstärkender Medikamente bei thrombozytopenischen Patienten

Eisenchelatoren

Indiziert bei polytransfusionspflichtigen Patienten mit günstiger Langzeitprognose (Niedrigrisikopatienten, RA, RARS, RCMD, RCMDRS, 5qminus-Syndrom) zur Prophylaxe einer sekundären Hämosiderose. Bei der Entscheidung zur Eisenchelattherapie müssen Alter, Begleiterkrankungen und Kooperationsfähigkeit des Patienten berücksichtigt werden. Zeitpunkt: Nach Erreichen einer Transfusionsmenge von 25-50 Erythrozytenkonzentraten (Serumferritin-Spiegel > 1000 ng/ml). Substanzen: Deferoxamin (Dosis: 25-50 mg/kg s.c. verabreicht über 8-12 Stunden an mindestens 5 Tagen der Woche) (Empfehlungsgrad B) [JENSEN1996,PROPPER1977]. Neuerdings stehen zur Eisenelimination auch orale Eisenchelatoren (Deferipron, Deferasirox) zur Verfügung, wodurch die Therapiedurchführung wesentlich erleichtert wird.

Hämatopoetische Wachstumsfaktoren

Ca. 10-15% der Niedrigrisiko-MDS-Patienten zeigen einen signifikanten Hämoglobinanstieg oder eine EK-Transfusionsunabhängigkeit nach hochdosierter Erythropoietin-Therapie (> 450 U/kg/Woche s.c.). Prädiktive Faktoren für einen Behandlungserfolg sind geringer Transfusionsbedarf und niedrige endogene Serumerythropoietin-Spiegel (< 500 U/l). Unter Verwendung des lang wirksamen Darbepoietin in Dosen von 150-300 μg/Woche s.c. werden bei Niedrigrisiko- und Intermediärrisiko 1-Patienten Ansprechraten zwischen 40 und 70% beobachtet [MANNONE2006].
Erythropoietin (> 30.000 U/Woche s.c.) in Kombination mit G-CSF (3 x 1-2 μg/kg/Woche s.c.) führt in ca. 50% der Patienten mit refraktärer Anämie mit Ringsideroblasten zu einem signifikanten Anstieg des Hb-Wertes oder zur EK-Transfusionsabhängigkeit [HELLSTROEM1998]. Die Überlegenheit gegenüber supportiver Therapie ist jedoch nicht gesichert (Empfehlungsgrad B) [HELLSTROEM2003]. Nachteilig sind hohe Therapiekosten [CASADEVALL2004].

Immunmodulatorische Therapie

Eine immunmodulatorische Therapie mit Antithymozytenglobulin (ATG) und/oder Ciclo-sporin A kann nach neueren Studien bei Patienten mit frühem MDS und ausgeprägter Anämie oder Thrombozytopenie in ca. 30% der Fälle zur Transfusionsfreiheit und zum Thrombo-zytenanstieg führen. Zur Zeit noch kein genereller Einsatz außerhalb klinischer Studien. Einsatz u. U. außerhalb von Studien bei Patienten mit hypoplastischem MDS mit schwerer Panzytopenie (für ATG: Empfehlungsgrad B; [KILLICK2003,MOLLDREM2002,STADLER2004]; für Ciclosporin A: Empfehlungsgrad C; [JONASOVA1998]). Prädiktive Parameter für eine erfolgreiche ATG-Therapie sind jüngeres Patientenalter, kürzere Krankheitsdauer, Thrombozytenwerte < 20.000/μl, morphologischer Subtyp einer refraktären Anämie und Expression des HLA-Klasse II-Allels HLA-DR15. Eine Ansprechrate > 40% wurde bei HLA-DR15-positiven Patienten gefunden, bei denen die Summe aus Alter (Jahre) und Dauer der Transfusionspflichtigkeit für Erythrozytenkonzentrate (Monate) < 71 beträgt [SAUNTHARARAJAH2002,SAUNTHARARAJAH2003].

Thalidomid und Lenalidomid

Thalidomid und Lenalidomid sind oral einsetzbare immunmodulatorische Substanzen, die sowohl die Produktion inflammatorischer Zytokine als auch die Gefäßneubildung (Angio-genese) unterdrücken. Im Vergleich zu Thalidomid besitzt Lenalidomid keine neurotoxischen und im Tierversuch auch keine teratogenen Nebenwirkungen und zeigt hohe Wirksamkeit bei Patienten mit 5qminus-Syndrom. In Phase II-Studien betrugen die Ansprechraten bei Patien-ten mit 5qminus-Syndrom 75%, fast immer mit Verlust der Transfusionsabhängigkeit, bei zwei Dritteln der respondierenden Patienten auch mit Normalisierung des Karyotyps [LIST2006,NIMER2006]. Diese vielversprechenden Daten haben in den USA bereits zur Zulassung von Lenalidomid bei Patenten mit 5qminus-Syndrom geführt. Nach vorläufigen Daten ist Lenalidomid auch bei anderen MDS-Subgruppen wirksam, allerdings liegen die Response-Raten deutlich niedriger als im 5qminus-Kollektiv (Transfusionsfreiheit bei ca. 25% der Patienten).

Palliative Chemotherapie

Niedrigdosistherapie mit Cytosinarabinosid (20 mg/m²/d s.c.) führt nur bei einem kleinen Teil der Patienten zu kompletten Remissionen (15-20%) und ist bei unkritischem Einsatz mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden (Letalität 10-25%). Prädiktive Parameter für den Therapieerfolg sind nicht bekannt. Bei fast 90% der Patienten kommt es unter Behandlung zu einer Verstärkung der Panzytopenie, die den Einsatz intensiver supportiver Maßnahmen erfor-derlich macht. In der bislang einzigen randomisierten Studie konnte kein Überlebensvorteil gegenüber alleiniger supportiver Therapie gesichert werden [MILLER1992].
Die demethylierenden Substanzen 5-Azacytidin und 5-Aza-2’-Deoxycytidin (Decitabin) sind Pyrimidinabkömmlinge, die in nicht-zytotoxischen Konzentrationen zu einer Hemmung der DNA-Methyltransferase führen und in vitro eine Differenzierungsinduktion myeloischer Zellen bewirken. Diese Zytostatika wurden bei MDS-Patienten eingesetzt, um die Inaktivierung von Tumorsuppressorgenen, die zu einem Proliferationsvorteil des aberranten Klons führt, rückgängig zu machen (epigenetische Therapie). 5-Azacytidin und 5-Aza-2’-Deoxycytidin zeigten in jeweils einer Phase III-Studie bei Patienten mit fortgeschrittenem MDS (Intermediärrisiko 2 oder Hochrisiko nach IPSS), die nicht für eine intensive Chemotherapie in Betracht kamen, im Vergleich zu supportiver Therapie eine Verlängerung der Zeit bis zur Transformation in eine AML oder Tod [29,SILVERMAN2002,WIJERMANS2000]. Die Substanzen werden z. Zt. in zwei weiteren Phase III-Studien in Europa geprüft. Beide Substanzen sind bislang nicht in Europa zugelassen.

Aggressive Polychemotherapie

Hauptzielgruppe für eine intensivierte Behandlung mit AML-Induktionsprotokollen sind Patienten < 70 Jahre mit fortgeschrittenem MDS (Intermediärrisiko 2 oder Hochrisiko nach IPSS) und gutem Allgemeinzustand. Nach neueren Studien können in diesem selektionierten Krankengut ähnlich hohe Raten kompletter Remissionen (50-75%) wie bei Patenten mit de novo-AML erzielt werden (Frühletalität 0-50%), allerdings ist die Remissionsdauer meist kurz (< 12 Monate) (Empfehlungsgrad A) (3,5,11,12,13,22). In Einzelfällen sind auch ohne konsolidierende Stammzelltransplantation lang anhaltende Vollremissionen möglich. Mit AML-Übergang verschlechtern sich die Behandlungsaussichten. Weitere ungünstige Responseparameter sind sekundäres MDS, männliches Geschlecht, hohe Serum-LDH-Spiegel, Fehlen von Auer-Stäbchen und Nachweis chromosomaler Aberrationen.

Stammzelltransplantation

Allogene Knochenmark- oder periphere Blutstammzelltransplantation (PBSCT) stellt bislang die einzige gesicherte kurative Therapiemaßnahme der MDS dar. Eine myeloablative Konditionierung ist indiziert bei Patienten < 60 Jahre mit fortgeschrittenem MDS (Intermediärrisiko 2 oder Hochrisiko nach IPSS), die sich in gutem Allgemeinzustand befinden und über einen HLA-kompatiblen Stammzellspender verfügen. Eine retrospektive Analyse der EBMT zeigte eine Überlegenheit der peripheren Stammzelltransplantation im Vergleich zur Knochenmarktransplantation (Empfehlungsgrad B) (1,2,7,9). Die Entscheidung zur Stammzelltransplantation sollte rasch nach Diagnosesicherung getroffen werden, da infolge Polytransfusion oder interkurrierender opportunistischer Infekte die transplantations-assoziierte Mortalität stark ansteigen kann. Patienten mit Niedrigrisiko und Intermediärrisiko 1 nach IPSS profitieren wahrscheinlich erst nach Progression in ein höheres Risikostadium von einer Stammzelltransplantation. Heilungschance etwa 40% (abhängig von Patientenalter, WHO-Subtyp und IPSS-Risikoprofil vor Transplantation). Bei Patienten mit medullärem Blastenanteil ≥ 10% vorheriger Versuch einer Remissionsinduktion durch aggressive Poly-chemotherapie, um die Rezidivrate nach Stammzelltransplantation zu senken (Empfehlungs-grad C) (2). Bei älteren Patienten (60-70 Jahre) mit Risikofaktoren, die über einen HLA-kompatiblen Familienspender verfügen, kommt eine Transplantation mit dosisreduzierter Konditionierung (RIC) in Betracht, die nach vorläufigen Daten zu einer deutlichen Senkung der Frühsterblichkeit führen kann (8).
Fremdspendertransplantation: Therapieoption mit noch zu prüfendem Stellenwert für Patienten < 50 Jahre ohne HLA-identischen Familienspender (Empfehlungsgrad C) (2).
Der Nutzen der autologen peripheren Stammzelltransplantation (nach erfolgreicher remis-sionsinduzierender Polychemotherapie) lässt sich aufgrund der vorliegenden Daten noch nicht abschließend beurteilen.

Experimentelle Therapieformen

Genauere Kenntnisse der pathophysologischen und molekulargenetischen Grundlagen myelo-dysplastischer Syndrome haben zur Entwicklung zahlreicher neuer Therapieformen geführt, deren Stellenwert zur Zeit noch nicht verläßlich beurteilt werden kann. Hierzu gehört die Be-handlung mit Histondesacetylase-Hemmern (Valproinsäure, Vorinostat), Amifostin, Pentoxifyllin, Farnesyltransferase-Inhibitoren (Tipifarnib, Lonafanib), VEGF-Inhibitoren, zytotoxischen Antikörpern (Gemtuzumab-Ozogamicin), Arsentrioxid und anderen Substanzen.

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