Häufigkeit von Leukämien in Deutschland

Jährlich erkranken bis zu 12.000 Menschen in Deutschland an Leukämien - darunter etwa 600 Kinder. Die Krebsfälle bei Kindern werden seit 1980 zentral im Deutschen Kinderkrebsregister dokumentiert. Im Gegensatz dazu existiert bei uns jedoch kein zentrales Register zur Erfassung von Leukämiefällen bei Erwachsenen. Im Kompetenznetz Leukämien wurden daher eine Methode entwickelt, um auf Basis internationaler Registerdaten nachvollziehbare Schätzwerte für die Häufigkeit bestimmter Leukämie-Subtypen in Deutschalnd zu errechnen.

Mit dem Bundeskrebsregistergesetz wurde erstmalig in den 90er Jahren eine Grundlage für die Einrichtung epidemiologischer Krebsregister zur Dokumentation der Krebserkrankungen von Erwachsenen geschaffen. Denn anders als bei Krebserkrankungen von Kindern unter 15 Jahren, die seit 1980 im Deutschen Kinderkrebsregister dokumentiert werden, gab es bis vor wenigen Jahren keine flächendeckende Erfassung von Krebsfällen erwachsener Patienten. Erst seit 2009 verfügen alle Bundesländer über lokale, unabhängige Krebsregister, die sich zum Teil noch im Aufbau befinden. 2013 wurde die Harmonisierung der zu erfassenden Daten gesetzlich verankert, so dass zukünftig alle Einzelregister nach einheitlichen Maßstäben arbeiten und Informationen verglichen und zusammengeführt werden können.

Aktuell gibt es jedoch keine vollzähligen Daten und die erfassten Zahlen, die alle zwei Jahre vom Robert-Koch Institut im Krebsbericht für Deutschland [1] veröffentlicht werden, sind ohne Aufgliederung in die einzelnen Unterformen der Leukämien nicht sehr aussagefähig. Somit ist bei Erwachsenen keine zuverlässige Aussage über die Inzidenz einzelner Leukämieformen in Deutschland möglich; es liegen lediglich grobe, durch vielfältige Faktoren beeinträchtigte Schätzwerte vor.

Da gleichzeitig aber ein großes öffentliches Interesse an entsprechendem Zahlenmaterial besteht, z.B. von Seiten der Gesundheitspolitik, Kostenträgern, Pharmaunternehmen oder der Presse, wurde im Rahmen des Kompetenznetzes der Versuch unternommen, Schätzwerte für die Häufigkeit von Leukämien auf einer nachvollziehbaren Grundlage zu generieren.

Methodik

Um eine Aussage über die Häufigkeit der verschiedenen Leukämieformen und deren Altersverteilung in Deutschland zu treffen, wurden Häufigkeitsangaben aus dem größten Krebsregister Amerikas (SEER) [2] verwendet und mit den Bevölkerungsdaten für Deutschland aus dem Jahr 2000 [3] verrechnet. Da bei SEER keine Angaben zu den myelodysplastischen Syndromen existieren, wurde hierzu Daten aus dem deutschen MDS-Register [4] verwendet, die freundlicherweise von Prof. Dr. C. Aul zur Verfügung gestellt wurden. Limitierende Faktoren bezüglich der Vergleichbarkeit mit US-Zahlen ergeben sich u.a. durch:

  • Unterschiedliche Inzidenzen z.B. durch regionale Faktoren, unterschiedliche Klima- und Umweltbedingungen
  • Unterschiedliche Definition/Einordnung der Erkrankungen in einzelne Unterformen (z.B. CLL/MDS)
  • Schwierigkeiten bei der statistischen Erfassung von Patienten aus höheren Altersklassen (z.T. nicht gemeldet/dokumentiert)

Die untere Altersgrenze der zur Berechnung herangezogenen Daten lag bei 15 Jahren. Das Procedere war wie folgt:

  1. Über das Internet (SEER) wurden Inzidenzen der einzelnen Leukämieformen in den USA ermittelt. Verwendet wurden dabei Daten für beide Geschlechter weißer Hautfarbe in unterschiedlichen Altersstufen.
  2. Anhand einer Altersverteilung für Deutschland (Stat. Bundesamt 2000) wurden gleiche Altersgruppen wie die bei SEER verwendeten gebildet.
  3. Die Verrechnung der Inzidenzen für USA mit der Anzahl der Personen einer jeweiligen Altersklasse in Deutschland ergab eine absolute Zahl (Fallzahl).

Beispiel:
Inzidenz (SEER) für ALL, 1995-1999, Alter 20-24 Jahre
= 0,8228/100.000 Einwohner
Laut Statistischem Bundesamt gab es im Jahr 2000 in Deutschland 4.644.257 Personen in dieser Altersklasse.
4.644.257 : 100 000 x 0,8228 = 38,21

Fazit: Schätzungsweise 38 Menschen zwischen 20 und 24 Jahren erkranken jährlich in Deutschland an akuter lymphatischer Leukämie.

Nach diesem Vorgehen wurden Zahlen für alle Altersklassen ermittelt.
In den unten aufgeführten Graphiken handelt es sich also bei Inzidenzangaben um die Originaldaten aus dem US-Register SEER und bei den Fallzahlen um die daraus berechneten Werte (Zahlen zu den MDS basieren auf Daten aus dem MDS-Register). Alle Inzidenzen sind angegeben als Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohnern pro Jahr.

Ergebnisse

Tabelle: Mittelwerte der Inzidenzen 1990-1999 (SEER, inkl. Kinder < 15 Jahren).

Jahr

ALL

AML

CML

CLL

1990
1991
1992
1993
1994
1995
1996
1997
1998
1999
2000
2001
2002
2003
2004

1,5156
1,5244
1,3693
1,3459
1,2511
1,581
1,4162
1,4218
1,5322
1,2947
1,4
1,4
1,5
1,4
1,5

3,0481
3,3261
3,2497
3,4671
3,4156
3,8061
3,4366
3,6246
3,9672
3,6062

1,7282
1,9075
1,7947
1,9141
1,8662
1,8909
1,7508
1,8335
1,5755
1,4855

4,6819
4,7303
4,8071
4,3647
4,5151
4,483
4,3699
4,1272
3,5678
3,1549

Mittelwert

1,4301

3,4947

1,7747

4,2802

Altersverteilung

Tabelle: Geschätzte Zahl der Leukämienfälle (ALL, AML, CLL, CML, MDS) pro 100.000 Einwohner pro Jahr in Deutschland (Inzidenz = 1995-1999 USA).

Alter

Inzidenz

Fälle/Jahr

15-19 Jahre
20-24 Jahre
25-29 Jahre
30-34 Jahre
35-39 Jahre
40-44 Jahre
45-49 Jahre
50-54 Jahre
55-59 Jahre
60-64 Jahre
65-69 Jahre
70-74 Jahre
75-79 Jahre
80-84 Jahre
≥ 85 Jahre

1,1
1,4
1,3
1,4
1,6
2,3
3,3
5
8,5
14,2
22,3
34,8
48
63,9
82,9

106
121
123
188
253
288
399
618
805
1441
1546
1859
1839
1097
1287

Summe

 

11970


Über 50 % aller Leukämien im Erwachsenenalter treten in der Altersklasse der über 65-jährigen auf. Innerhalb dieser Gruppe sind die myelodysplastischen Syndrome am häufigsten.

Altersverteilung bei adulter Leukämie
 

Häufigkeit einzelner Leukämieformen

Während bei den Adoleszenten (< 20 Jahre) die ALL die häufigste Leukämieform darstellt, erkranken ältere Menschen vor allem an CLL und MDS.

Tabelle: Geschätzte Zahl der Leukämiefälle in Deutschland (fett) basierend auf den Inzidenzen in den USA 1995-1999 (*ALL-Daten USA 2000-2004) in Klammern.

Alter

ALL*

AML

CML

CLL

MDS

15-19
20-24
25-29
30-34
35-39
40-44
45-49

91 (1,9)
44 (0,9)
33 (0,7)
37 (0,7)
49 (0,7)
43 (0,6)
43 (0,7)

32 (0,7)
56 (1,2)
49 (1,0)
67 (1,0)
94 (1,3)
115 (1,8)
125 (2,2)

-
-
30 (0,6)
60 (0,9)
58 (0,8)
58 (0,9)
68 (1,2)

-
-
-
-
22 (0,3)
45 (0,7)
103 (1,8)




212 (0,4)

50-54
55-59

45 (0,8)
45 (1,0)

184 (3,7)
229 (4,7)

90 (1,8)
107 (2,2)

204 (4,1)
317 (6,5)


180 (1,8)

60-64
65-69

52 (1,0)
73 (1,4)

423 (7,4)
478 (11,5)

206 (3,6)
208 (5,0)

538 (9,4)
624 (15,0)


853 (8,7)

70-74
75-79

54 (1,5)
51 (1,7)

580 (16,1)
547 (19,2)

231 (6,4)
236 (8,3)

735 (20,4)
672 (23,6)


1471 (22,8)

80-84
85+

28 (1,3)
25 (2,0)

310 (21,7)
307 (20,5)

158 (10,7)
183 (12,2)

386 (26,2)
483 (32,2)


820 (27,6)

Summe

713

3597

1692

4127

3644

Akute lymphatische Leukämie

Die akute lymphatische Leukämie zeigt die höchste Inzidenz im Kindesalter (Gipfel mit 7,5 Neuerkrankungen pro 100000 Einwohner/Jahr bei Kindern im Alter von 1-4 Jahren).
Im Erwachsenenalter liegen die Inzidenzgipfel bei Adoleszenten (< 20 Jahre) und bei älteren Patienten (>75 Jahre). Die geschätzte Gesamtzahl für Erwachsenen in Deutschland liegt bei rund 713 ALL-Fällen pro Jahr.
Die Inzidenz für alle Altersklassen ist beim männlichen Geschlecht (1,8) höher als beim weiblichen Geschlecht (1,4).

Akute myeloische Leukämie

Die Inzidenz der akuten myeloischen Leukämie steigt mit dem Alter kontinuierlich an. Ebenso wie bei den anderen Formen der Leukämie, überwiegt das männliche Geschlecht (Inzidenz für alle Altersgruppen: m = 4,3; w = 2,9).

Chronische myeloische Leukämie

Auch bei der chronischen myeloischen Leukämie findet sich ein altersabhängiger Anstieg der Inzidenz. Die größte Zahl der Neuerkrankungen tritt im Alter von 60 bis 80 Jahren auf.
Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen (Inzidenz für alle Altersgruppen: m = 2,3; w = 1,3).

Chronische lymphatische Leukämie

Bei unter 40jährigen kommt die CLL praktisch nicht vor. Ab dem Alter von 50 Jahren steigt die Inzidenz steil an. Bei älteren Patienten ist die CLL dann die häufigste Leukämieform. Bei der CLL ist die Häufung beim männlichen Geschlecht am stärksten ausgeprägt (Inzidenz für alle Altersgruppen: m = 5,9; w = 3,0).

Myelodysplastische Syndrome

Für MDS liegt die Altersverteilung derzeit nur in 10-Jahres-Schritten vor. Während bei jüngeren Patienten MDS sehr selten auftreten, findet man ab dem Alter von 60 Jahren einen deutlichen Anstieg der Inzidenz. Bei älteren Patienten haben MDS ähnlich hohe Inzidenzen wie die CLL (Inzidenz für alle Altersgruppen: m = 5,1; w = 3,8).

MDS_740_2.jpg

Abbildung: MDS-Inzidenz und Fälle in Deutschland (Zahlen basieren auf den Daten des Düsseldorfer MDS-Registers, 1991-1997).

Zusammenfassung

Nach den hier vorgelegten Schätzungen erkranken in Deutschland jährlich knapp 12.000 Menschen an Leukämie, darunter 600 Kinder. Die häufigsten Formen der Leukämie sind die chronische lymphatische Leukämie und die myelodysplastischen Syndrome. Mehr als 50 % aller Leukämien treten in der Altersgruppe der über 65jährigen auf. Obwohl die Inzidenzen für das männliche Geschlecht bei allen Leukämieformen deutlich höher sind als für das weibliche Geschlecht, bestehen bezüglich der Fallzahlen - besonders in höheren Altersklassen - nur noch geringe Differenzen. Grund dafür ist u.a. die geringere Lebenserwartung der Männer.

Links

(Datum des letzten Seitenbesuchs: 13.07.15)
Zentrum für Krebsregisterdaten (ZfKD) im Robert-Koch-Institut (Datum des letzten Seitenbesuchs: 13.07.15)

Mehr zum Thema

  • Dugas M, Messerer D, Hasford J, Haferlach T, Heinze B, Ludwig W, Rieder H, Schoch R, Schwartz S, Thiel E. German Multicentre Study Group for Adult ALL (GMALL): Recruitment in comparison to ALL incidence and its impact on study results. Ann Hematol. 2003;82(2):83-7. PubMed PMID: 12601485.
  • Messerer D, Dugas M, Müller T, Hasford J. Wie viele Patienten mit AML werden in Deutschland in klinischen Studien behandelt? Rundbrief Nr. 5, Januar 2003.

Referenzen und Quellen

  1. Krebs in Deutschland - gemeinschaftliche Publikation von GEKID und ZfKD (Datum des letzten Seitenbesuchs: 13.01.15)
  2. SEER - Surveillance, Epidemiologie, and End Results Program. (Datum des letzten Seitenbesuchs: 13.01.15)
  3. Statistisches Bundesamt (Datum des letzten Seitenbesuchs: 13.01.15)
  4. MDS-Register - Register über die myelodysplastischen Syndrome (Datum des letzten Seitenbesuchs: 13.07.15)

Erstellt von: Hehn (Informationszentrum) am 21.07.2014, letzte Änderung: 05.10.2015